Spökenkieker

Ein Spökenkieker ist, dem Wortsinn zufolge, ein Mensch, der Spukhaftes wahrzunehmen vermag. Immer wieder erzählen alte Leute gruselige Geschichten von diesen Menschen, die in die Zukunft sehen konnten. »Sie haben das zweite Gesicht«, sagen die einen. »Sie sind mit dem Teufel im Bund«, sagen die anderen. Als Spökenkieker werden im westfälischen und im niederdeutschen Sprachraum, speziell im Emsland, Münsterland und in Dithmarschen, Menschen mit dem sogenannten „zweitem Gesicht“ bezeichnet. Der Vorschauer sieht Leichenzüge, Hochzeiten, Heereskolonnen, Feuersbrünste usw. Oft erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten treffen die geschauten Ereignisse ein. Nach ihren Beobachtungen ist der Spökenkieker an seinem hellblonden Haar, dem geisterhaften Blick der wasserblauen Augen und einer blassen oder überzarten Gesichtsfarbe zu erkennen. An sich ist er meistens gesund; es zeigt sich bei ihm keine Spur von Überspannung. Im vorigen Jahrhundert gab es noch ganze „Spökenkieker“-Familien. Die heute noch lebenden Vorschauer finden sich in allen Ständen. Früher waren es hauptsächlich Schäfer, die mit den Geheimnissen der Natur innig vertraut waren. Hier zwei Beispiele: Das Bauerngesinde hatte in den Wiesen einen Rechen vergessen. Als ihn der Grossknecht holen wollte, „sah“ er in der Dämmerung einen Ackerwagen fahren, wo kein Weg war. Dieser war mit einem Sarg beladen. Das Gefährt fuhr jedoch nicht zum Friedhof das Dorfes, sondern dem Nachbardorf zu. Etwa ein Jahr später wurde ein Ertrunkener, der aus diesem Dorf stammte, an jener Stelle aus dem Fluss geborgen. Die Erscheinung des Wagens mit dem daraufliegenden Sarge wurde Wirklichkeit. Auch in Schwelm gab es einst einen Schreiner, der diese besondere Gabe besaß. Eigentlich hieß er Kaspar Hülsenbeck, weil er aber jedes Gespräch mit dem Ausruf »Achje« begann, nannten ihn die Leute nur noch Achje. Er wohnte in einer winzigen Kate* am Rande der Stadt, und seine Werkstatt hatte er im alten Stall eingerichtet. Da hobelte und sägte und hämmerte er nun Tag für Tag. Seine Arbeit war immer nötig, denn er war Sargtischler. War jemand gestorben im Ort, so ging die Familie zu Achje, um einen Sarg für den Toten auszusuchen. Zuerst dachte sich niemand etwas dabei, dass die Leute jedes Mal einen passenden Sarg fertig vorfanden, nach Größe und Güte des Holzes genau bemessen, als sei er vorbestellt. Und doch erschien es manchem mit der Zeit unheimlich. Wenn jemand in die Werkstatt kam, rieselte es ihm kühl am Rücken hinab. Aber niemand konnte erklären, warum das so war. Eines Tages traf den Bäckermeister ein furchtbares Unglück. Seine fünfjährigen Zwillingssöhne waren beim Spielen an der Becke in das Wasser gerutscht; die starke Strömung hatte sie mitgerissen und nur noch tot konnte man sie später aus dem Bach ziehen. Das Entsetzen bei den Eltern war groß; dennoch schauderten sie zusammen, als sie am Abend Achjes kleine Werkstatt betraten: Schneeweiß und zentimetergenau standen zwei Kindersärge bereit. Das war für die Leute der Beweis: Achje war ein Spökenkieker. Achje war unheimlich. Achje war vielleicht mit dem Bun im Teufel. Die Nachbarn grüßten ihn wohl noch, auch bekam er abends im Gasthof einen Krug Bier, aber niemand wollte mehr so recht in seiner Nähe bleiben. Am 27. November 1962 wurde in Harsewinkel (Kreis Gütersloh) vor dem neu gebauten Rathaus ein 2,40 Meter hohes Spökenkieker-Denkmal feierlich übergeben. Der Wiedenbrücker Bildhauer Hubert Hartmann schlug in den Weser-Sandstein die Figur eines Schäfers, zu dessen Füßen sich Hund und Schafe ducken. Es ist das erste Denkmal in Westfalen, das das Motiv des Spökenkiekers aufgreift.

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